Inklusion ist kein Netflix-Abo

Ich muss gestehen, dass ich lineares Fernsehen eigentlich gar nicht mehr sehe. Netflix und Amazon Prime bringen immer genau das, was ich jetzt sehen möchte. Mein – bereits gekündigtes – Sky Abo habe ich nur wegen The Walking Dead und Bundesliga. Gestern Abend war bei mir allerdings kein Netflix angesagt. Es gab RTL zur Prime-Time!

Das Team Wallraff war mal wieder investigativ unterwegs und hatte dieses mal keine Fastfood-Kette im Fokus, sondern Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Und siehe da: Die absolut menschenunwürdigen Umstände bekamen heute ein massives Medien-Echo. Auch die sozialen Netze waren voll mit Kommentaren empörter User:

Wie kann man Menschen nur so behandeln?!?

Ach ja… Empörung 2.0 ist ja im Zeitalter von Facebook, Twitter und Co. salonfähig geworden und wird nicht nur von den ganzen AfD-Deppen (und deren Wählern) gut und gerne genutzt um seine Meinung in die Welt zu „posten“.

Aber: Was wird sich hierdurch nun ändern? Ich meine, wo waren die Empörten die ganze Zeit? Hat niemand bereits eine Ahnung gehabt, wie behinderte Menschen im wahrsten Sinne abgeschoben werden? Jetzt kommt schon! Wo ist denn die eigene Oma mit Demenz hin? Die Cousine 2. Grades mit einer Mehrfachbehinderung ist auch nicht verstorben, oder? Irgendwo müssen die doch sein!

Wir leben in einer Gesellschaft, in der behinderte Menschen von jungen Jahren auf in irgendwelche Einrichtungen gesteckt werden. Sei es der Förderkindergarten, die Schwerbehinderteneinrichtung in welcher maximal ein angepasster Hauptschulabschluss möglich ist, oder die klassische Werkstätte für Behinderte. Immer schön weg von „den anderen“ damit diese nicht behindert werden.

Ich habe selber diese „Karriere“ zum Teil erleben dürfen/ müssen. Kindergarten, Grundschule und Realschulabschluss im KBZO. Anschließend hätte ich nach Neckargemünd gehen sollen um dort in 5 Jahren einen Abschluss mit Fachhochschulreife zu erreichen. What?!? 5 Jahre? Der reguläre Weg BKFH dauert an der „normalen“ Schule ganze zwei Jahre! Ohne mich!

Sicherlich hätte ich es irgendwie einfacher gehabt wieder so behütet  und geschützt von der bösen Außenwelt einen Abschluss zu erreichen, aber brauch es das wirklich? Ich bin ja nicht psychisch eingeschränkt, sondern lediglich physisch! Und dank meines starken Willens, meiner immer zu mir stehenden Familie und toller Freunde habe ich es geschafft aus dieser Karriere auszubrechen! Wohin dieses behütete System führt haben wir ja gestern gesehen.

Versteht mich bitte nicht falsch! Solche Einrichtungen haben sicherlich ihre Berechtigung, aber es hat nichts mit Inklusion zu tun!

Was hat das ganze mit Netflix zu tun? Naja, ganz einfach: Bei Netflix bekomme ich genau das was ich möchte zu jeder Zeit und das ganze zum günstigen Preis. Am besten jederzeit kündbar! Inklusion dagegen ist nicht auf Knopfdruck zu haben, sondern muss erarbeitet werden, ist anfangs unbequem und kostet (anfangs) mehr. Aber es ist eine Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft!

Eine Bitte an die Eltern behinderter Kinder: Lasst diese bitte auch mal Dreck fressen! Lasst sie scheitern! Lasst sie Erfahrungen sammeln und ihre eigenen Wege gehen und sperrt sie nicht ein! Behütet oder nicht, solche Einrichtungen sind nicht die Lösung!

Just my two Cents…

2 Comments

  1. Käthe 21/02/2017 at 9:26 PM

    Es ist doch eigentlich unfassbar, dass wir 2017 wirklich noch erklären müssen, was Inklusion ist – und vor allem, was es nicht ist. (Mist! Ich schulde dir da noch was!) – Ich hatte heute einen „yeah! TV! du machst das gut!“- Moment- und zwar tatsächlich im linearen, öffentlich rechtlichen KIKA. Hier läuft ja nun endlich wieder „Dein Song“ (You gotta watch it!) – und dann war da dieses blinde Mädel und nicht einmal wurde darüber gesprochen, dass sie (vermutlich) nichts sieht. Es war offensichtlich, vor allem, dass es eben um die Musik ging und ihre Freunde und ich fand das so wunderbar, dass hier den (zuschauenden) Kids eine Normalität gezeigt wurde. So will ich das! Immer!
    Die Frage ist ja: warum ist das so unnormal? Warum werden Menschen mit Behinderungen 3 h am Tag durch die Gegend gekutscht, damit sie (für ein Taschengeld) arbeiten können, anstatt sie das Gleiche in der Nachbarschaft tun zu lassen? Wer hat denn hier eigentlich Angst vor wem oder was? Oder ist es wirklich „nur“ der personelle Mehraufwand, der hier immer angeführt wird? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber: ich will das nicht. Ich wohne in einer Viertel, in dem gleich 2 Werkstätten sind (immer so schön umschrieben mit „Gemeinnütziges Projekt“ und so) und eine öffentliche Schule mit Schwerpunkt. Ich sehe all diese Menschen, die anders aussehen und anders ticken ( :D ) als ich. – Ich wünsche mir mehr Begegnungsmöglichkeiten. Denn leider wird diese bunte Menschenmenge auch hier morgens und abends an- bzw. weggekarrt und so bleibt für direkten Kontakt immer wenig Möglichkeit.
    Zu deinem Ausgangspost aber – dieses Menschenunwürdige- dazu möchte ich nichts schreiben. Dazu fehlen ja auch irgendwie die Worte.

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    1. Arthur 21/02/2017 at 9:30 PM

      Liebe Käthe, es gibt deinen Worten nichts hinzuzufügen. Danke für deinen klasse Kommentar!

      LG, Arthur

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